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Stadtgeschichte

Der BER: die ganze Geschichte des Berliner Flughafens

Kein Bauprojekt hat Berlin so viel Spott eingebracht wie der Flughafen BER. Geplant für 2011, eröffnet 2020, am Ende mehr als siebenmal so teuer wie die erste Schätzung. Dahinter steckt eine Geschichte, die lange vor dem ersten Spatenstich beginnt: mit einer geteilten Stadt, drei Flughäfen und einer Standortentscheidung, die bis heute umstritten ist.

Kieznah · Stadtgeschichte · Lesezeit ca. 10 Minuten · Stand: Oktober 2026

Spatenstich 5. September 2006

Geplante Eröffnung 30. Oktober 2011

Tatsächliche Eröffnung 31. Oktober 2020

Kosten zuletzt 7,3 Milliarden Euro, 1995 geschätzt rund 1 Milliarde

Fluggäste 2025 26,05 Millionen

01 Drei Flughäfen für eine geteilte Stadt

Berlins erster großer Flughafen war Tempelhof, mitten in der Stadt. In der Teilung wurde er zum Symbol: Während der Blockade 1948/49 versorgten die Westalliierten West-Berlin aus der Luft, und weil Tempelhof und der britische Flugplatz Gatow nicht reichten, entstand im französischen Sektor in nur drei Monaten ein dritter Flughafen. Am 5. November 1948 landete in Tegel die erste Maschine. Tegel wurde später zum Hauptflughafen des Westens, eng, aber berühmt für seine kurzen Wege vom Taxi zum Gate.

Im Osten lag Schönefeld, von 1960 bis 1990 der Zentral- und Regierungsflughafen der DDR, Heimat der staatlichen Fluggesellschaft Interflug. Das Abfertigungsgebäude, das später als Terminal 5 Teil des BER wurde, eröffnete 1976. Nach der Wende hatte Berlin damit drei Flughäfen, alle zu klein oder zu nah an Wohngebieten, und keiner davon taugte für eine Hauptstadt mit wachsendem Luftverkehr.

02 Der Streit um den Standort

Fachleute favorisierten in den Neunzigern Standorte weit draußen in Brandenburg, vor allem Sperenberg und Jüterbog-Ost, wo genug Platz und kaum Anwohner waren. Im Mai 1995 hatten sich Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen und Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe laut einem internen Vermerk sogar schon auf Sperenberg geeinigt. Dann scheiterte am 5. Mai 1996 die geplante Fusion von Berlin und Brandenburg in der Volksabstimmung, und die Lage kippte.

Wenige Wochen später, im Mai 1996, fassten Diepgen, Stolpe und Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann den sogenannten Konsensbeschluss: ein einziger Flughafen für die Region, in Schönefeld, gebaut mit privaten Investoren. Tegel und Tempelhof sollten dafür schließen. Es war der erste Fall in der Bundesrepublik, in dem sich die Politik gegen das Ergebnis eines Raumordnungsverfahrens entschied. Heute gilt die Standortwahl vielen als erster Fehler in einer langen Reihe.

03 Privatisierung gescheitert, die Länder bauen selbst

Der Plan, den Flughafen von Privatinvestoren bauen und betreiben zu lassen, scheiterte im Mai 2003. Die Gesellschafter, also Berlin, Brandenburg und der Bund, beschlossen daraufhin, selbst zu bauen. Am 13. August 2004 kam die Baugenehmigung, im April 2005 verhängte das Bundesverwaltungsgericht nach Klagen von Anwohnern vorläufig einen Baustopp, 2006 gab es grünes Licht. Am 5. September 2006 folgte der erste Spatenstich, eröffnen sollte der Flughafen am 30. Oktober 2011.

04 Vier Wochen vor der Eröffnung: abgesagt

Im Juni 2010 wurde die Eröffnung zum ersten Mal verschoben, auf den 3. Juni 2012, unter anderem wegen strengerer Sicherheitsvorgaben der EU. Die Einladungen waren verschickt, die Umzugspläne für Tegel standen, als die Flughafengesellschaft am 8. Mai 2012 alles absagte: Die Brandschutztechnik funktionierte nicht. Besonders die Anlage, die im Brandfall Rauch aus dem Terminal abziehen sollte, fiel Ende 2012 bei Heißrauchtests durch. Am 23. Mai 2012 wurde dem Planungsbüro fristlos gekündigt.

Was folgte, ist eine Chronik verpasster Termine. Der 17. März 2013 hielt nicht, der 27. Oktober 2013 auch nicht, im Januar 2013 wurde die Eröffnung auf unbestimmte Zeit verschoben. Flughafenchef Rainer Schwarz musste gehen, nach ihm kam Hartmut Mehdorn, später Karsten Mühlenfeld und 2017 Engelbert Lütke Daldrup. 2014 wurde ein Technikchef nach nur rund zwei Monaten im Amt wegen Korruptionsvorwürfen entlassen, 2015 meldete die Firma Imtech Deutschland Insolvenz an, die an der Haustechnik beteiligt war. 2017 machten automatische Türen und die Sprinkleranlage Probleme. Am Ende ging es um Kabel, Dübel und Prüfbescheinigungen: Erst im April 2019 nahm der TÜV die Entrauchungsanlage ab, im April 2020 gab die Bauaufsicht das Terminal frei.

JahrKostenprognose
1995rund 1 Milliarde Euro (1,112 Milliarden Mark, nur erster Bauabschnitt)
20072,0 Milliarden Euro
2012mindestens 4,5 Milliarden Euro
20145,4 Milliarden Euro
20187,3 Milliarden Euro

Das Berliner Abgeordnetenhaus setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der 2016 seinen Abschlussbericht vorlegte. Der Flughafen wurde zum Running Gag der Republik. Ein Detail, das wirklich stimmt: Durch den fertigen, aber geschlossenen Flughafenbahnhof fuhren jahrelang täglich leere S-Bahnen und Regionalzüge, damit die Tunnel belüftet blieben und sich kein Schimmel bildete.

05 Eröffnung im Corona-Herbst

Am 31. Oktober 2020 war es so weit, mitten in der Pandemie. Eigentlich sollten eine Maschine von easyJet und eine der Lufthansa zur Eröffnung gleichzeitig auf den beiden Bahnen landen, daraus wurde nichts, easyJet kam zuerst an. Der Flughafen trägt den Namen von Willy Brandt. Eine Woche später, am 8. November 2020, hob in Tegel die letzte Linienmaschine ab, eine Air France nach Paris. Tempelhof war schon am 30. Oktober 2008 geschlossen worden, ein Volksentscheid für den Weiterbetrieb war im April 2008 gescheitert. Heute ist das Flugfeld ein Park.

Das alte DDR-Terminal in Schönefeld lief kurz als Terminal 5 weiter, wurde im Februar 2021 vorübergehend und im November 2022 endgültig geschlossen. Der Bahnhof dort heißt seit Dezember 2023 nur noch „Schönefeld“, nicht verwechseln mit dem Flughafenbahnhof unter Terminal 1 und 2.

Der Klassiker

Witze über den BER

Jeder Berliner kennt mindestens drei. Am Flughafen selbst sieht man davon heute nichts mehr.

Kieznah-Tipp

Flughafengeschichte in Tempelhof

Im alten Flughafen Tempelhof zeigen der THF Tower und Führungen, wie Fliegen in Berlin begann, davor erinnert das Luftbrückendenkmal an 1948. Mehr in Ringbahn Teil 2.

06 Der BER heute

Der Flughafen gehört zu je 37 Prozent Berlin und Brandenburg und zu 26 Prozent dem Bund. Er ist 1.470 Hektar groß und hat zwei Start- und Landebahnen, 3.600 und 4.000 Meter lang. Die Terminals 1 und 2 sind zusammen für 36 Millionen Fluggäste im Jahr ausgelegt. Zwischen Mitternacht und 5 Uhr gilt ein Nachtflugverbot. Seit Dezember 2025 ist der Flughafen über die neu gebaute Dresdner Bahn deutlich schneller an die Innenstadt angebunden, der Flughafen-Express braucht zum Hauptbahnhof jetzt 23 statt 39 Minuten.

JahrFluggäste
20209,1 Millionen (mit Tegel und Schönefeld)
20219,9 Millionen
202219,8 Millionen
202323,1 Millionen
202425,5 Millionen
202526,05 Millionen

07 Und die Zukunft?

Die nächste Zeit wird eher holprig. Ryanair schließt am 24. Oktober 2026 seine Basis am BER, zieht die dort stationierten sieben Flugzeuge ab und halbiert sein Angebot in Berlin ungefähr. Die Airline begründet das mit Gebühren und Steuern, die seit 2019 deutlich gestiegen sind. Der Flughafen rechnet deshalb für 2027 mit einem Rückgang auf 25 bis 25,2 Millionen Fluggäste. Vor der Pandemie hatten Tegel und Schönefeld zusammen noch rund 36 Millionen gezählt.

Langfristig ist Platz für mehr: Die beiden Bahnen könnten bis zu 45 Millionen Fluggäste im Jahr bewältigen, in den Plänen stehen ein Terminal 3 und ein Terminal 4, und südlich wäre Raum für eine dritte Bahn. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr soll bis 2032 komplett aus Köln/Bonn an den BER ziehen, ein Regierungsterminal ist für 2035 geplant. Diskutiert wird auch, die U7 von Rudow bis zum Flughafen zu verlängern, eine Machbarkeitsstudie des Landes rechnet mit 35.000 Fahrgästen am Tag. Beschlossen und finanziert ist davon noch wenig, und nach dieser Vorgeschichte ist Vorsicht bei Terminen angebracht.

Und die alten Flughäfen? Tempelhof ist eine der größten Freiflächen der Stadt, auf dem Gelände in Tegel entstehen ein Technologiepark und ein neues Wohnviertel. Wie du heute am schnellsten vom BER in die Stadt kommst, steht in Vom BER in die Stadt, mit einer Tabelle für jedes wichtige Ziel.

Keine bezahlten Erwähnungen. Quellen: Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (Verkehrszahlen, Bahnanbindung Dezember 2025), Deutsche Bahn zur Dresdner Bahn, Wikipedia-Artikel „Flughafen Berlin Brandenburg“ und „Bau des Flughafens Berlin Brandenburg“ mit den dort belegten Kostenprognosen und Terminen, Tagesspiegel zur Standortfrage und zur Chronik der verschobenen Termine, Fachzeitschrift Signal und Berliner Zeitung zu den Belüftungsfahrten, taz und aeroTELEGRAPH zu Tegel, Berliner Zeitung, Travelbook und reisetopia zu Schönefeld und Terminal 5, aeroTELEGRAPH, reisetopia und Aero International zum Eröffnungstag, aero.de, aerotelegraph und park-sleep-fly zum Rückzug von Ryanair. Stand: Oktober 2026.