Bierkultur · Faktencheck
Berliner Weisse im Faktencheck: Legende und Fakt über Berlins saures Bier
Rot oder grün, mit Strohhalm, im Sommer auf der Terrasse: So kennen viele die Berliner Weisse. Um das Bier ranken sich Geschichten, von Napoleons Soldaten bis zu Hunderten Weißbierstuben. Wir haben sieben davon geprüft und trennen, was belegt ist, von dem, was nur gern erzählt wird.
01 "Die Berliner Weisse gibt es seit dem 16. Jahrhundert" Stimmt fast
Wahrscheinlich, aber schriftlich belegt ist es erst später. Die Fachliteratur vermutet die Anfänge im 16. Jahrhundert, als Vorbild werden der Halberstädter Broyhan und der Breslauer Schöps genannt. Die früheste bekannte Erwähnung eines "Berlinischen Weitzenbiers" stammt je nach Quelle von 1642 oder 1680. Nach 1700 wurde die Weisse zum Lieblingsgetränk der Berliner, lange bevor es Bier nach Pilsner Art gab.
02 "Napoleons Soldaten nannten sie Champagner des Nordens" Legende
Die bekannteste Geschichte über die Weisse hat keinen Beleg aus der Zeit. Schon die Erzählungen sind sich nicht einig: Mal sollen französische Truppen das Bier 1806 nach den Schlachten von Jena und Auerstedt so getauft haben, mal 1809. Ob der Spitzname als Lob gemeint war oder als Spott, lässt sich nicht sagen. Schön ist die Geschichte trotzdem, nur sollte man sie als Legende erzählen.
03 "Berlin hatte einmal 700 Weißbierstuben" Umstritten
Die Zahl 700 für die Zeit um 1800 wird oft zitiert, mal für Ausschankstellen, mal für Brauereien, eine Quelle aus der Zeit nennt keiner. Greifbarer sind die Berliner Adressbücher: 1854 verzeichneten sie 13 Weißbierbrauereien, 1916 waren es 19. Eine der bekannten Familien war die Hugenottenfamilie Landré, deren Brauereien 1917 zusammengingen. An sie erinnert die Landréstraße.
04 "Die Weisse ist ein saures Bier" Stimmt
Berliner Weisse ist obergärig und hat einen hohen Anteil an Weizenmalz. Gegoren wird mit Hefe und Milchsäurebakterien zugleich, teils ist auch die wilde Hefe Brettanomyces beteiligt. Die Milchsäure macht das Bier sauer. Mit rund 3 Prozent Alkohol ist es ein leichtes Bier, die Weissen, die Lemke und Schneeeule 2026 gemeinsam gebraut haben, liegen bei 3 bis 3,5 Prozent.
05 "Weisse trinkt man mit Schuss" Stimmt fast
Heute ja, früher nicht. Lange trank man die Weisse pur oder mit einem Kümmelschnaps oder Korn dazu, das hieß "Weiße mit Strippe". Um 1800 soll der Brauer Josty Kräuter zugesetzt haben, vor allem Waldmeister. Erst später setzte sich der Sirup durch, Himbeere oder Waldmeister, rot oder grün, direkt ins Glas gegeben und mit Strohhalm serviert.
06 "Berliner Weisse ist geschützt wie Champagner" Unbelegt
Laut dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, das seit März 2026 den Schutz geografischer Angaben in Berlin kontrolliert, hat Berlin bisher genau eine geschützte geografische Angabe, den Berliner Kümmel. Die Weisse gehört also nicht dazu. Manche Quellen schreiben, nach deutschem Recht dürften nur Berliner Brauereien den Namen verwenden. Eine amtliche Bestätigung dafür haben wir nicht gefunden.
07 "Die echte Weisse wäre fast ausgestorben" Stimmt
Nach dem Zusammenschluss der großen Berliner Brauereien zur Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei wurde die Schultheiss Berliner Weisse eingestellt, übrig blieb die Berliner Kindl Weisse, die es pur oder mit Sirup gibt. In den 2010er Jahren fingen kleine Brauereien wieder an. Laut Brauerei füllte Lemke 2015 mit der Budike Weisse als eine der ersten eine Weisse nach historischem Vorbild mit Brettanomyces und mehrstufiger Gärung ab, Oli Lemke forscht dazu mit der TU Berlin. Ulrike Genz untersuchte im Rahmen ihres TU-Studiums bei Lemke die Grundlagen der Weisse und braut sie heute unter dem Namen Schneeeule. Zur Berlin Beer Week im Spätsommer 2026 stellten beide drei gemeinsame Weissen vor.
Wo man sie heute trinkt
- Im Haus gebraut: in der Biermeisterei der Brauerei Lemke an der Karl-Liebknecht-Straße 13, mehr in Brauhäuser in Berlin.
- Rot oder grün im Biergarten: Der Schleusenkrug im Tiergarten führt die Berliner Kindl Weiße auf der Karte, mehr in Biergärten in Berlin.
- Als Mitbringsel: Die gemeinsamen Weissen von Lemke und Schneeeule verkauft Lemke in seinem Onlineshop, mehr in Made in Berlin.
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