Wer Berlin geprägt hat · Teil 2
Hugenotten und Franzosen in Berlin: vom Edikt von Potsdam bis zum Kurfürstendamm
1685 lud Brandenburg die verfolgten Protestanten aus Frankreich ein, und Berlin wurde für Tausende von ihnen zur neuen Heimat. Ihre Spuren findest du am Gendarmenmarkt, auf zwei Friedhöfen und in einem Wort, das jeder Berliner kennt. Dazu zwei Orte, an denen das Französische in Berlin bis heute lebt.
Edikt von Potsdam 29. Oktober 1685, Einladung an verfolgte Protestanten aus Frankreich
Rund 20.000 Glaubensflüchtlinge kamen nach Schätzungen nach Berlin und Brandenburg
Seit 1689 gibt es das Französische Gymnasium, heute deutsch-französische Schule
Heute 18.897 Menschen mit französischer Staatsangehörigkeit in Berlin (30.06.2025)
Wie die Hugenotten nach Berlin kamen
Im Oktober 1685 hob Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau die Glaubensfreiheit für die Protestanten in Frankreich auf. Nur wenige Tage später, am 29. Oktober 1685, antwortete Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Edikt von Potsdam: Er bot den Reformierten Zuflucht, Steuererleichterungen und eigene Gemeinden mit französischen Gottesdiensten an. Nach Schätzungen nahmen rund 20.000 Menschen das Angebot an, viele davon zogen nach Berlin. Wie groß ihr Anteil an der Stadtbevölkerung um 1700 war, schätzen die Quellen unterschiedlich, die Angaben reichen von einem Fünftel bis zu einem Viertel.
Die Neuankömmlinge brachten Handwerk, Gartenbau und Wörter mit. Laut einem Glossar der Universität Potsdam führten die Hugenotten zum Beispiel das Wort Boulette in Berlin und der Mark ein, vom französischen Wort für Klößchen. Mehr Berliner Wörter stehen in Berlinerisch für Anfänger.
Wo man das heute sieht
01 Französischer Dom und Hugenottenmuseum · Mitte
vom U-Bahnhof Hausvogteiplatz zu Fuß etwa 5 Minuten, von der U Stadtmitte etwa 6 Minuten
Route in Google Maps · Offizielle Seite
Die Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt entstand 1701 bis 1705 für die hugenottische Gemeinde, den Kuppelturm daneben ließ Friedrich der Große erst 1780 bis 1785 bauen. Dom heißt er nach dem französischen Wort für Kuppel, eine Bischofskirche war er nie. Im Turm erzählt das Hugenottenmuseum, wie die Glaubensflüchtlinge nach Berlin kamen und was aus ihnen wurde. Geöffnet ist laut Museumsportal dienstags bis sonntags von 11:30 bis 16:30 Uhr, der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, unter 18 Jahren frei. Der Platz selbst hat seinen Namen vom Regiment Gens d'armes, dessen Ställe hier im 18. Jahrhundert standen. Im Advent steht hier einer der bekanntesten Weihnachtsmärkte.
02 Französischer Friedhof an der Chausseestraße · Mitte
vom U-Bahnhof Naturkundemuseum zu Fuß etwa 6 Minuten
Gleich neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof liegt der erste Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde, den sie von 1780 bis 1835 für die Nachfahren der Hugenotten nutzte. Die meisten Grabmale sind klassizistisch, das Grab des Industriellen Pierre Louis Ravené entwarf Friedrich August Stüler. Laut visitBerlin ist der Friedhof täglich ab 8 Uhr geöffnet und schließt je nach Monat zwischen 16 und 20 Uhr.
03 Fontanes Grab an der Liesenstraße · Mitte
vom U-Bahnhof Schwartzkopffstraße zu Fuß etwa 8 Minuten
Theodor Fontane stammte aus einer Hugenottenfamilie und liegt mit seiner Frau Emilie auf dem Friedhof II der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße, der Weg zum Grab ist vom Eingang ausgeschildert. Die Grabsteine wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und später erneuert, und weil die Mauer quer über das Gelände lief, war der Friedhof lange kaum zugänglich. In der früheren Kapelle steht eine kleine Dauerausstellung zu Fontanes Leben, laut visitBerlin montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 15 Uhr geöffnet.
04 Maison de France am Kurfürstendamm · Charlottenburg
vom U-Bahnhof Uhlandstraße zu Fuß etwa 2 Minuten
Route in Google Maps · Offizielle Seite
Die Maison de France am Kurfürstendamm 211 eröffnete 1950 und wurde schnell eine der wichtigsten Kulturadressen im Westteil der Stadt. Heute sitzt hier das Institut français mit Sprachkursen und Mediathek, unten zeigt das Cinema Paris vor allem französische und europäische Filme, meist im Original mit Untertiteln.
05 Centre Français im Wedding · Wedding
vom U-Bahnhof Rehberge zu Fuß etwa 5 Minuten
Route in Google Maps · Offizielle Seite
Die französische Militärregierung ließ das Haus an der Müllerstraße 74 in den Jahren 1960 und 1961 als Kulturzentrum für ihren Sektor bauen, mit Bibliothek, Vortragsräumen und einem Saal für Kino und Theater. Bis 1992 betrieben es die französischen Streitkräfte, heute steht es unter Denkmalschutz und ist ein deutsch-französisches Begegnungszentrum, das Austauschprogramme für Jugendliche und Berufstätige organisiert und Veranstaltungen zeigt.
Französisch in Berlin heute
Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg lebten am 30. Juni 2025 in Berlin 18.897 Menschen mit französischer Staatsangehörigkeit. Das Französische Gymnasium, 1689 für die Kinder der Hugenotten gegründet, ist seit 1953 zugleich französische Auslandsschule und steht heute an der Derfflingerstraße in Tiergarten. Die französischen Truppen, die von 1945 bis 1994 im Norden der Stadt stationiert waren, stehen in Teil 1 über die Alliierten.
Gut zu wissen
- Auf Friedhöfen: leise sein, auf den Wegen bleiben, Gräber nicht betreten.
- Kombinieren: Vom Friedhof an der Chausseestraße ist es nicht weit zur Gedenkstätte an der Bernauer Straße, mehr in Statt X, lieber Y.
- Montags zu: Das Hugenottenmuseum ist montags geschlossen, ebenso am 24. Dezember.