Wer Berlin geprägt hat · Teil 5
Jüdisches Berlin: Geschichte, Gedenkorte und jüdisches Leben heute
Seit mehr als 350 Jahren gibt es eine jüdische Gemeinde in Berlin, mit einer Blütezeit, mit Verfolgung und Mord und mit einem Neuanfang nach 1945. Hier sind die Orte, an denen du diese Geschichte kennenlernst und an die Ermordeten erinnerst, und was du für einen respektvollen Besuch wissen solltest.
1671 gilt als Gründungsjahr der heutigen Jüdischen Gemeinde zu Berlin
18. Oktober 1941 erster Deportationszug vom Bahnhof Grunewald
Mehr als 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden wurden ermordet
Eintritt frei Jüdisches Museum (Dauerausstellung), Ort der Information, Gleis 17
Mehr als 350 Jahre Geschichte
Jüdisches Leben in Berlin ist viel älter als die heutige Gemeinde, es wurde aber im Mittelalter und noch einmal 1573 durch Vertreibungen unterbrochen. Am 21. Mai 1671 erlaubte Kurfürst Friedrich Wilhelm 50 wohlhabenden jüdischen Familien, die aus Wien vertrieben worden waren, sich in der Mark Brandenburg niederzulassen. Der erste Schutzbrief für zwei Familien in Berlin datiert vom 10. September 1671, und dieser Tag gilt als Gründungsdatum der Gemeinde. Die Aufnahme folgte vor allem wirtschaftlichen Interessen, und die Familien lebten lange unter strengen Auflagen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde Berlin trotzdem zu einem Zentrum jüdischen Lebens in Europa, 1743 kam der Philosoph Moses Mendelssohn in die Stadt, 1866 wurde die Neue Synagoge eingeweiht.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begannen Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung. In der Nacht des Novemberpogroms 1938 brannten in Berlin Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört. Ab dem 18. Oktober 1941 wurden Berliner Jüdinnen und Juden deportiert, mehr als 50.000 von ihnen wurden ermordet. Nach 1945 bauten Überlebende und Zugewanderte das Gemeindeleben neu auf, heute gibt es in Berlin wieder Synagogen, Schulen, Kultureinrichtungen und eine vielfältige jüdische Gegenwart.
Orte der Geschichte und des Gedenkens
01 Neue Synagoge und Centrum Judaicum · Mitte
vom S-Bahnhof Oranienburger Straße zu Fuß etwa 2 Minuten
Route in Google Maps · Offizielle Seite
Die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße wurde zum jüdischen Neujahrsfest 1866 eingeweiht und war damals die größte jüdische Andachtsstätte in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt, heute steht der wiederaufgebaute vordere Teil mit der goldenen Kuppel, und das Centrum Judaicum zeigt darin eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses und der Gemeinde. Laut Museum ist im Winterhalbjahr montags bis donnerstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, freitags bis 15 Uhr, samstags geschlossen. Die Preise stehen auf der Website, die Führungen sind kostenlos.
02 Jüdisches Museum Berlin · Kreuzberg
vom U-Bahnhof Kochstraße zu Fuß etwa 9 Minuten
Route in Google Maps · Offizielle Seite
Der Bau von Daniel Libeskind an der Lindenstraße ist selbst Teil der Erzählung, mit schrägen Wänden, Leerräumen und Achsen, die Exil und Vernichtung spürbar machen. Die Dauerausstellung erzählt die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Deutschland vom Mittelalter bis heute. Laut Museumsportal ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, die Dauerausstellung ist kostenlos, Sonderausstellungen kosten 10 Euro, ermäßigt 4 Euro. Am Eingang gibt es eine Sicherheitskontrolle, am Wochenende lohnt es sich, online ein Zeitfenster zu buchen. An jüdischen Feiertagen wie Rosch ha-Schana und Jom Kippur bleibt das Museum geschlossen.
03 Denkmal für die ermordeten Juden Europas · Mitte
vom S- und U-Bahnhof Brandenburger Tor zu Fuß etwa 6 Minuten zum Ort der Information
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Zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz stehen 2.711 Betonstelen auf einem welligen Feld, das Denkmal wurde 2005 eingeweiht. Das Stelenfeld ist rund um die Uhr zugänglich. Unter dem Feld liegt der Ort der Information mit den Namen und Lebensgeschichten von Ermordeten, laut Stiftung Denkmal dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, letzter Einlass 17:15 Uhr, der Eintritt ist frei. Es kann kurze Wartezeiten an der Sicherheitskontrolle geben.
04 Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald · Grunewald
vom S-Bahnhof Grunewald zu Fuß etwa 4 Minuten
Vom Bahnhof Grunewald fuhr am 18. Oktober 1941 der erste Deportationszug mit mehr als 1.000 Berliner Jüdinnen und Juden nach Litzmannstadt (Łódź), viele weitere folgten, später auch vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Moabit. Seit 1998 erinnert die Deutsche Bahn mit dem Mahnmal Gleis 17 daran: Entlang des Bahnsteigs nennen Platten aus Stahlguss für jeden Transport Datum, Zahl der Menschen und Ziel. Das Gleis wird nicht mehr befahren, der Ort ist frei zugänglich.
05 Jüdischer Friedhof Weißensee · Weißensee
von der Tram-Haltestelle Albertinenstraße zu Fuß etwa 11 Minuten
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Der Friedhof an der Herbert-Baum-Straße wurde 1880 eröffnet und gilt mit fast 116.000 Grabstellen als flächengrößter erhaltener jüdischer Friedhof Europas. Zwischen hohen Bäumen und efeubewachsenen Gräbern liegen Familiengrabstätten aus der Kaiserzeit, Gräber von Gefallenen des Ersten Weltkriegs und Gedenksteine für die Ermordeten. Laut Jüdischer Gemeinde ist im Winterhalbjahr montags bis donnerstags von 7:30 bis 16 Uhr, freitags bis 14:30 Uhr und sonntags von 8 bis 16 Uhr geöffnet, am Schabbat und an jüdischen Feiertagen ist der Friedhof geschlossen.
Gut zu wissen
- An Gedenkorten: leise sein, nicht auf die Stelen klettern oder von Stele zu Stele springen, nicht auf den Gedenkplatten am Gleis 17 sitzen. Fotos gern, aber ohne Posen und ohne Personen auf Gräbern.
- Auf jüdischen Friedhöfen: Männer tragen eine Kopfbedeckung, eine Mütze reicht. Statt Blumen legen viele Besucher einen kleinen Stein auf das Grab.
- Sicherheit: Vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen steht in Berlin Polizei, und am Eingang gibt es Kontrollen. Das ist normal, plane ein paar Minuten ein und lass große Taschen zu Hause.
- Stolpersteine: Überall in der Stadt erinnern kleine Messingplatten im Gehweg vor den letzten Wohnadressen an Menschen, die verfolgt und ermordet wurden. Wer stehen bleibt und den Namen liest, erinnert an sie.