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Kieznah.

Wer Berlin geprägt hat · Teil 10

Russisches Berlin der 1920er: Charlottengrad, Nabokov und ein Dorf in Potsdam

In den 1920er-Jahren lebten so viele Russen im Westen Berlins, dass die Berliner von Charlottengrad sprachen. Nabokov schrieb hier seine ersten Romane, Zwetajewa wohnte kurz am Prager Platz. Hier sind die Orte, die von dieser Zeit erzählen, und ein russisches Dorf in Potsdam, das noch hundert Jahre älter ist.

Kieznah · Wer Berlin geprägt hat · Teil 10 · Lesezeit ca. 7 Minuten · Stand: Oktober 2026

5 Orte in diesem Artikel. Alle Orte auf der Kieznah-Karte

Charlottengrad nannten Berliner den Westen der Stadt in den 1920er-Jahren

Bis zu einer halben Million Russen lebten nach Schätzungen Anfang der 1920er in Deutschland, die meisten in Berlin

1932 bis 1937 wohnte Vladimir Nabokov in der Nestorstraße, seine letzte von zehn Berliner Wohnungen

1826 entstand in Potsdam die russische Kolonie Alexandrowka

Eine Stadt in der Stadt

Nach Revolution und Bürgerkrieg verließen ab 1918 Hunderttausende Menschen Russland. Schätzungen zufolge lebten Anfang der 1920er-Jahre bis zu einer halben Million von ihnen in Deutschland, die meisten in Berlin. Im Westen der Stadt, rund um Charlottenburg und Wilmersdorf, entstand eine russische Welt mit Verlagen, Zeitungen, Cafés und Bühnen, die Berliner nannten das Viertel spöttisch Charlottengrad, andere sprachen von Moskau an der Spree.

Die Blüte dauerte kaum mehr als ein Jahrzehnt. Mit der Inflation, der Wirtschaftskrise und später der nationalsozialistischen Herrschaft zogen viele weiter, vor allem nach Paris. Geblieben sind Gedenktafeln für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, eine Kathedrale, ein Friedhof und, etwas älter, ein russisches Dorf in Potsdam.

Wo man das heute sieht

01 Nabokovs Wohnung in der Nestorstraße · Halensee

vom S-Bahnhof Halensee zu Fuß etwa 13 Minuten

Vladimir Nabokov, später berühmt mit Lolita, lebte von 1922 bis 1937 in Berlin und schrieb hier seine ersten Romane auf Russisch. Die Nestorstraße 22 war die letzte von zehn Berliner Wohnungen und die, in der er am längsten blieb, von 1932 bis 1937 mit seiner Frau Véra und dem Sohn Dmitri. Eine Bronzetafel von 1999 erinnert auf Deutsch und Russisch daran.

02 Marina Zwetajewa und der Prager Platz · Wilmersdorf

vom U-Bahnhof Güntzelstraße zu Fuß etwa 5 Minuten zur Trautenaustraße 9, etwa 3 Minuten zum Prager Platz

Die Dichterin Marina Zwetajewa wohnte 1922 kurz in Berlin, in der Trautenaustraße 9. Studierende von Freier und Humboldt-Universität ließen dort 1996 eine Gedenktafel anbringen. Gleich um die Ecke liegt der Prager Platz, wo sich in den 1920er-Jahren in der Prager Diele russische Emigranten trafen, laut Bezirksamt auch mit Bertolt Brecht.

03 Christi-Auferstehungs-Kathedrale · Wilmersdorf

vom U-Bahnhof Fehrbelliner Platz zu Fuß etwa 12 Minuten

Die Kathedrale am Hohenzollerndamm 166 wurde 1936 bis 1938 als Ersatz für eine ältere Kirche gebaut und am 13. Mai 1938 geweiht. Mit Kuppel, Zwiebelhaube und vier kleinen Zwiebeltürmen im russisch-byzantinischen Stil ist sie eines der auffälligsten Gotteshäuser im Westen Berlins, die Ikonostase stammt aus dem Vorgängerbau. Es ist eine lebendige Kirche, Besucher sind während der Gottesdienste willkommen, wenn sie sich ruhig verhalten.

04 Russisch-Orthodoxer Friedhof Tegel · Tegel

vom U-Bahnhof Holzhauser Straße zu Fuß etwa 9 Minuten

Den Friedhof an der Wittestraße kaufte 1892 eine russische Bruderschaft, die kleine Kirche der Heiligen Konstantin und Helena von 1894 ist die älteste russisch-orthodoxe Kirche Berlins. Hier liegt unter anderem Vladimir Dmitrijewitsch Nabokov, der Vater des Schriftstellers, der 1922 in Berlin bei einem Attentat ums Leben kam. Auf dem Friedhof finden Beerdigungen statt, die Kapelle kann dann geschlossen sein.

05 Alexandrowka in Potsdam · Potsdam

vom Potsdamer Hauptbahnhof zu Fuß etwa 37 Minuten, von Schloss Sanssouci etwa 23 Minuten

Hundert Jahre vor Charlottengrad ließ Friedrich Wilhelm III. 1826 und 1827 für die letzten zwölf Sänger eines russischen Soldatenchors ein eigenes Dorf bauen, benannt nach Zar Alexander I. Die Häuser sehen aus wie russische Blockhäuser, sind aber preußische Fachwerkhäuser mit Holzverkleidung. Seit 1999 gehört die Kolonie zum UNESCO-Welterbe, im Haus Nummer 2 zeigt ein kleines Museum ihre Geschichte. Zum Tagesausflug passt sie gut, mehr in Potsdam an einem Tag.

Gut zu wissen

  • In Kirche und Friedhof: In orthodoxen Kirchen stehen die Gläubigen während des Gottesdienstes, Frauen tragen oft ein Kopftuch. Leise sein, nicht fotografieren, wenn Gottesdienst ist.
  • Ein Spaziergang: Prager Platz, Trautenaustraße und die Kathedrale liegen in Wilmersdorf nah beieinander, ein halber Nachmittag zu Fuß.
  • Mehr aus der Serie: Die sowjetische Seite der Nachkriegszeit steht in Teil 1: Die Alliierten, das ukrainische Berlin der 1920er in Teil 9.
Teil 10 der Serie "Wer Berlin geprägt hat". Wir schreiben über Orte und Geschichte und verzichten bewusst auf Tagespolitik, Zahlen zur Emigration sind Schätzungen. Geschichte nach Berliner Geschichtswerkstatt, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf (Kiezspaziergänge, Kathedrale, Prager Platz), Nabokov Society, der Freitag (Zwetajewa-Tafel), berlin.de (Friedhof Tegel) und Museum Alexandrowka, Stand Oktober 2026. Gehzeiten aus OpenStreetMap-Daten. Keine bezahlten Erwähnungen.