EN

Kieznah.

Wer Berlin geprägt hat · Teil 3

Türkisches Berlin: vom Anwerbeabkommen 1961 bis zum Markt am Maybachufer

Ab 1961 kamen Arbeitskräfte aus der Türkei nach Berlin, viele blieben und prägen Berlin heute in der dritten und vierten Generation. Die Spuren sind aber älter, ein Friedhof in Neukölln reicht bis 1866 zurück. Hier sind die Orte, an denen du diese Geschichte erlebst, vom Wochenmarkt bis zum Theater.

Kieznah · Wer Berlin geprägt hat · Teil 3 · Lesezeit ca. 7 Minuten · Stand: Oktober 2026

4 Orte in diesem Artikel. Alle Orte auf der Kieznah-Karte

Anwerbeabkommen 30. Oktober 1961, unterzeichnet in Bonn

Seit 1866 gibt es den Friedhof am Columbiadamm, laut berlin.de der älteste islamische Friedhof in Deutschland

108.707 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit in Berlin (30.06.2025), die größte Gruppe ohne deutschen Pass

Dienstag und Freitag Markt am Maybachufer, 11 bis 18:30 Uhr

Wie die Geschichte begann

Die Verbindung ist älter als die Anwerbung: 1866 überließ König Wilhelm I. der türkischen Gemeinde in Berlin ein Gelände am Tempelhofer Feld als Begräbnisstätte, laut berlin.de der älteste islamische Friedhof in Deutschland. Die große Geschichte beginnt aber am 30. Oktober 1961, als die Bundesrepublik und die Türkei in Bonn ein Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften unterzeichneten. Laut Auswärtigem Amt kamen bis zum Anwerbestopp 1973 rund 876.000 Arbeitskräfte aus der Türkei nach Deutschland. Die Aufenthaltsdauer war zunächst auf zwei Jahre begrenzt, diese Grenze fiel schon 1964, und viele blieben, holten ihre Familien nach und wurden Berlinerinnen und Berliner.

Heute ist das türkische Berlin keine eigene Welt neben der Stadt, es ist Teil davon, in der dritten und vierten Generation. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg lebten am 30. Juni 2025 in Berlin 108.707 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit, und 2025 ließen sich 4.099 von ihnen einbürgern. Wie viele Berlinerinnen und Berliner türkische Wurzeln haben, zeigt diese Zahl nicht, denn viele haben längst den deutschen Pass.

Wo man das heute erlebt

01 Markt am Maybachufer · Neukölln

vom U-Bahnhof Schönleinstraße zu Fuß etwa 3 Minuten, vom Kottbusser Tor etwa 7 Minuten

Am Landwehrkanal, gleich am Kottbusser Damm, stehen dienstags und freitags von 11 bis 18:30 Uhr die Stände des Wochenmarkts, den viele in Berlin noch Türkenmarkt nennen. Es gibt Obst und Gemüse, Stoffe und vieles mehr, gehandelt wird auf Deutsch, Türkisch und vielen anderen Sprachen. Kurz vor Schluss wird Obst und Gemüse oft billiger, und Bargeld ist an vielen Ständen die sichere Wahl. Samstags steht hier ein anderer Markt mit Stoffen.

02 Şehitlik-Moschee und Friedhof am Columbiadamm · Neukölln

vom U-Bahnhof Südstern zu Fuß etwa 16 Minuten, näher dran hält der Bus M43 (Friedhöfe Columbiadamm)

Auf dem Gelände des historischen Friedhofs steht seit 2005 die Şehitlik-Moschee mit ihren zwei Minaretten, getragen vom Verband DITIB. Şehitlik bedeutet hier Friedhof. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auf dem Friedhof auch gefallene türkische Soldaten bestattet. Die Moschee ist ein Gebetsort und keine Sehenswürdigkeit im üblichen Sinn: Wer sie von innen sehen möchte, fragt am besten vorher bei der Gemeinde nach einer Führung. Am 3. Oktober öffnet sie zum Tag der offenen Moschee.

03 FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum · Kreuzberg

vom U-Bahnhof Kottbusser Tor zu Fuß etwa 3 Minuten

Das Bezirksmuseum an der Adalbertstraße 95A erzählt die Geschichte von Kreuzberg und Friedrichshain, und Migration ist darin ein roter Faden. In der Dauerausstellung kommen Menschen aus dem Bezirk selbst zu Wort, alte und neue Berlinerinnen und Berliner. Laut Museumsportal ist dienstags bis donnerstags von 12 bis 18 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

04 Ballhaus Naunynstraße · Kreuzberg

vom U-Bahnhof Kottbusser Tor zu Fuß etwa 7 Minuten

Der Tanzsaal an der Naunynstraße 27 öffnete 1863 und diente nach 1961 lange nur als Lager. 2008 eröffnete Shermin Langhoff ihn neu als Theater für postmigrantische Geschichten, also Geschichten der Kinder und Enkel von Eingewanderten, erzählt von ihnen selbst. Kurz nach der Neueröffnung wurde das Haus als Theaterwunder von Kreuzberg gefeiert. Heute geht es dort um postmigrantische und postkoloniale Perspektiven, der Spielplan steht auf der Website.

Gut zu wissen

  • In der Moschee und auf dem Friedhof: Schuhe vor dem Gebetsraum ausziehen, Schultern und Knie bedecken, zu den Gebetszeiten Rücksicht nehmen. Auf dem Friedhof wird getrauert, Fotos dort nur ohne Personen.
  • Markt mit Plan: Dienstag oder Freitag ab dem späten Vormittag auf den Markt, dann am Kanal entlang bis zum Kottbusser Tor und ins FHXB Museum, das ist ein halber Tag zu Fuß.
  • Mehr Kreuzberg und Neukölln: Essen in der Nähe steht in Wo Berliner essen, Kieze in Unbekannte Kieze.
Teil 3 der Serie "Wer Berlin geprägt hat". Wir schreiben über Orte und Geschichte, nicht über eine Gruppe als Ganzes. Geschichte nach Auswärtigem Amt (Anwerbeabkommen), berlin.de (Friedhof am Columbiadamm) und visitBerlin (Ballhaus Naunynstraße). Öffnungszeiten laut Museumsportal Berlin und Marktangaben, Stand Oktober 2026. Zahlen laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. Gehzeiten aus OpenStreetMap-Daten. Keine bezahlten Erwähnungen.